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Neugier und Scheu vor Neuem: Neophilie und Neophobie beim Hund
Warum schnappt sich dein Hund das neue Spielzeug sofort und meidet die neue Mülltonne tagelang? Was Studien zu Neugier, Scheu, Temperament, Erfahrung und Alter zeigen.
Michael Sauerwein
Ein neues Spielzeug wird binnen Sekunden geschnappt, eine neue Mülltonne an der gewohnten Gassistrecke tagelang in großem Bogen umrundet. Beide Reaktionen gehören zum selben Hund, und beide sind Antworten auf Neues. Die Forschung beschreibt sie mit zwei Begriffen: Neophilie, die Anziehung durch das Neue, und Neophobie, das Meiden des Neuen. Sie sind nicht die zwei Enden einer einzigen Skala. Ein Hund kann gleichzeitig interessiert und vorsichtig sein, und wie sich beides die Waage hält, hängt vom Hund, vom Gegenstand, von der Situation und von der Gesellschaft ab.
Dieser Beitrag erklärt, wie Reaktionen auf Neues definiert und gemessen werden, was die wenigen kontrollierten Studien gefunden haben, was Vergleiche mit Wölfen beitragen, welche Rolle Temperament, Erblichkeit und Rasse spielen, welche frühe Erfahrung, Alltag und Alter, wie Halter und andere Hunde das Bild verändern und was daraus für das Vorstellen von Neuem, für Spielzeug und für Hunde folgt, denen Neues Angst macht.
1. Was Neues mit einem Hund macht
1.1 Zwei Reaktionen auf denselben Gegenstand
Jedes Tier in einer sich verändernden Umgebung steht vor demselben Problem: Etwas Neues kann eine Ressource sein, etwa Futter, Unterschlupf oder ein Spielpartner, oder eine Gefahr. Wer es erkundet, gewinnt Information, wer es meidet, verringert das Risiko. Neophilie beschreibt die Neigung, sich Neuem zu nähern und es zu untersuchen. Neophobie beschreibt die Neigung, es zu meiden oder sich ihm nur zögernd zu nähern. In der Studienliteratur zu Wölfen und Hunden wird Erkundung als wichtig beschrieben, um Informationen über die Umgebung zu sammeln, während Neophobie die Gefährdung verringern, aber auch das Erkunden einschränken kann (Moretti, Hentrup, Kotrschal & Range, 2015).
Beide Neigungen können gleichzeitig aktiv sein. Ein Hund, der den Hals nach einem fremden Gegenstand reckt, mit dem Gewicht auf den Hinterbeinen daran schnüffelt und zurückspringt, wenn er sich bewegt, zeigt Interesse und Vorsicht in denselben wenigen Sekunden. Eine einzige Linie von „neugierig“ bis „ängstlich“ verliert genau diese Information. Deshalb kann derselbe Hund in einer Situation mutig und in einer anderen vorsichtig wirken (wie Annäherung und Vermeidung miteinander konkurrieren).
1.2 Annäherung, Kontakt und Untersuchung sind verschiedene Maße
Studien zu Reaktionen auf Neues erfassen meist mehrere Verhaltensweisen: ob sich das Tier nähert, wie schnell es eine bestimmte Distanz unterschreitet und den Gegenstand berührt, wie lange es ihn untersucht oder bearbeitet und ob es zurückspringt oder flieht. Diese Maße bewegen sich nicht immer gemeinsam. In einer Studie mit von Hand aufgezogenen Wölfen und Hunden unterschieden sich die beiden Arten nicht darin, wie schnell sie sich neuen Gegenständen näherten. Die Wölfe nahmen aber langsamer Kontakt auf, flohen häufiger und untersuchten die Gegenstände länger (Moretti et al., 2015). Eine einzelne Zahl wie die „Annäherungslatenz“ hätte den größten Teil dieses Musters übersehen.
Dieselbe Studie liefert eine zweite Warnung. Sechs der dreizehn Hunde näherten sich dem Gegenstand in mindestens einem Test nicht, während sich die Wölfe immer näherten. Die Autoren deuteten das eher als geringeres Interesse der Hunde denn als größere Angst (Moretti et al., 2015). Sich nicht zu nähern kann also Vermeidung bedeuten, aber auch Gleichgültigkeit. Ohne zusätzliche Maße wie angstbezogene Körpersprache oder Flucht lässt sich beides nicht unterscheiden.
1.3 Wie Reaktionen auf Neues getestet werden
Zwei Gruppen von Tests dominieren. Beim Test mit neuem Objekt wird ein unbekannter Gegenstand in eine vertraute Umgebung gestellt und das Verhalten des Tieres ihm gegenüber erfasst. Bei Wahltests wird ein neuer Gegenstand zusammen mit einem oder mehreren vertrauten angeboten, und gemessen wird, welchen das Tier wählt oder wie lange es sich mit jedem beschäftigt. Eine neuere Studie hält fest, dass Neophobie traditionell mit Futter oder einem anderen Anreiz neben einem neuen Gegenstand gemessen wurde, Neophilie dagegen meist mit einem neuen Gegenstand ohne Futterbezug, bei dem das Tier keinen anderen Grund zur Beschäftigung hat als seine Neuheit (Rivas-Blanco, Gonnet-dit-Revel, Range, Tebbich & Marshall-Pescini, 2025).
Ein Hund, der sich Futter neben einem fremden Gegenstand nähert, wägt Hunger gegen Vorsicht ab. Ein Hund, der lieber mit einem neuen als mit einem alten Spielzeug spielt, zeigt eine Vorliebe für Neues. Die beiden Tests beantworten unterschiedliche Fragen.
2. Der Grundbefund: Hunde mögen Neues, aber nur kurz
2.1 Der Wahltest
Die meistzitierte Studie zur Neophilie beim Hund ist kurz und klein. Siebzehn Hunden wurde ein neues Spielzeug in einer Reihe mit zwei vertrauten Spielzeugen angeboten. Der unbekannte Gegenstand wurde in 38 von 50 Tests zuerst gewählt, was die Autoren als deutliche Vorliebe für Neues gegenüber Vertrautem deuteten. Sie schlugen vor, Neophilie könne ein angepasstes Merkmal sein, das Hunden geholfen habe, sich an das Leben mit Menschen anzupassen (Kaulfuß & Mills, 2008).
Die Vorliebe ist in dieser kleinen Stichprobe deutlich. Die evolutionäre Erklärung bleibt eine Hypothese: Ein späterer direkter Vergleich mit Wölfen und unterschiedlich gehaltenen Hunden fand keine entsprechende stärkere Neophilie der Hunde (Abschnitt 3). Der Titel der Arbeit verweist außerdem auf Folgen für die Kognitionsforschung beim Hund. Eine Folge ergibt sich direkt aus der Vorliebe selbst: Wenn Hunde neue Gegenstände bevorzugen, kann die Neuheit der in einer Denkaufgabe verwendeten Gegenstände beeinflussen, was ein Hund wählt, unabhängig davon, was die Aufgabe eigentlich messen soll. Derselbe Gedanke spielt beim Thema Langeweile eine Rolle, wo die Anziehung neuer Gegenstände ein Strang der Belege ist (was die Forschung zu Langeweile über das Bedürfnis nach Anregung sagt).
2.2 Das Interesse verfliegt schnell
Die Vorliebe für neue Spielzeuge kann bei Hunden ausgeprägt sein, in wiederholten Tests aber rasch nachlassen. Eine Studie mit sechzehn im Zwinger gehaltenen Labrador Retrievern begann mit der Feststellung, dass Hunde gegenüber neuen Gegenständen eine „intensive, aber vorübergehende Neophilie“ zeigen sollen (Pullen, Merrill & Bradshaw, 2012). Die Hunde bekamen ein Spielzeug wiederholt für jeweils 30 Sekunden, bis sie sich nicht mehr damit beschäftigten. Dann erhielten sie ein zweites Spielzeug, das sich in Farbe, Geruch oder beidem unterschied. Mit dem neuen Spielzeug kehrte das Interesse zurück, gleich welcher Unterschied verwendet wurde. Den Abstand zwischen den Darbietungen des ersten Spielzeugs von zehn Sekunden auf zehn Minuten zu verändern, änderte nichts daran, wie schnell die Hunde das Interesse verloren. Die Autoren schlossen, dass sich die Hunde an die Gesamteigenschaften des Spielzeugs gewöhnten und nicht an ein einzelnes Sinnesmerkmal (Pullen et al., 2012).
Gewöhnung ist ein grundlegender Lernprozess und erklärt, warum ein neues Spielzeug selten lange neu bleibt (wie Gewöhnung und Sensibilisierung funktionieren). Die Anziehung gilt der Neuheit des Gegenstands, und wenn die Neuheit verschwunden ist, verschwindet auch ein großer Teil der Anziehung. Die Stichprobe war klein, bestand aus einer Rasse und lebte im Zwinger.
2.3 Interesse an Neuem ist kein reines Maß
In einer großen Persönlichkeitstestbatterie für Familienhunde wurde der Faktor „Novelty seeking“, also die Suche nach Neuem, aus Reaktionen auf neue Gegenstände und ablenkende Reize gebildet. Die Autoren beschrieben ihn als Verbindung von Interesse an neuen Reizen mit Interesse an begehrten Reizen wie Futter und Ball (Turcsán et al., 2018). Als das Interesse an Neuem bei Familienhunden gemessen wurde, ließ es sich also nicht sauber vom allgemeinen Interesse an attraktiven Dingen trennen. Ein Hund mit hohem Wert für die Suche nach Neuem ist vielleicht einfach ein Hund, der sich leicht von Gegenständen begeistern lässt.
3. Der evolutionäre Blick in Kürze
3.1 Wölfe erkunden länger, Hunde nehmen früher Kontakt auf
Vergleiche zwischen von Hand aufgezogenen Wölfen und Hunden werden an anderer Stelle ausführlich behandelt (was kontrollierte Vergleiche zwischen Hund und Wolf zeigen); hier geht es nur um die Befunde zu Neuem.
Am Wolf Science Center in Österreich wurden elf erwachsene Wölfe und dreizehn erwachsene Hunde, die gleich aufgezogen und gehalten wurden, mit neuen Gegenständen allein, mit einem Rudelmitglied und mit dem ganzen Rudel getestet. Wie oben beschrieben, unterschieden sich die Annäherungslatenzen nicht, aber die Wölfe nahmen langsamer Kontakt auf, flohen häufiger und untersuchten länger. Die Autoren lasen daraus bei den Wölfen ein größeres Interesse an Neuem, verbunden mit größerer Neophobie (Moretti et al., 2015). Bei Welpen derselben Einrichtung wurden siebzehn Wölfe und achtzehn Mischlingshunde mit fünf Wochen in einer neuen Umgebung und mit sechs und acht Wochen mit neuen Gegenständen getestet. Die Wölfe erkundeten Umgebung und Gegenstände in jedem Alter ausdauernder, während sich angstbezogenes Verhalten und die Zeit in der Nähe von Menschen nicht unterschieden (Marshall-Pescini, Virányi, Kubinyi & Range, 2017). Solche Unterschiede in der Motivation müssen laut den Autoren berücksichtigt werden, wenn man die Arten in Denkaufgaben vergleicht.
3.2 Mehr Neophilie oder weniger Neophobie?
Die Hypothese, dass Hunde während der Domestikation neophiler geworden sind, wurde direkt an zehn Wölfen, sechs im Rudel lebenden Hunden und sechs Familienhunden geprüft. Nach einer Gewöhnungsphase, in der ein Gegenstand mehrere Tage im Gehege blieb, bekamen die Tiere den inzwischen vertrauten Gegenstand zusammen mit einem neuen. Zwischen den Gruppen gab es keine erkennbaren Unterschiede darin, wie schnell sie sich dem neuen Gegenstand näherten oder welchen Gegenstand sie zuerst ansteuerten. Alle Gruppen beschäftigten sich mehr mit dem neuen Gegenstand (Rivas-Blanco et al., 2025). Die Autoren schlossen, dass sie entgegen der Hypothese keinen Unterschied in der Neophilie zwischen Wölfen und Hunden fanden, und hielten es für möglich, dass sich frühe Hunde eher durch geringere Neophobie als durch stärkere Neophilie von Wölfen unterschieden.
Das ist eine vorsichtige Schlussfolgerung aus einer sehr kleinen Studie mit alten Tieren, deren Durchschnittsalter zwischen etwa acht und elf Jahren lag. Sie verschiebt die Frage: Wenn sich Hunde von Wölfen unterscheiden, liegt der Unterschied vielleicht weniger darin, wie anziehend das Neue ist, als darin, wie bedrohlich es wirkt.
3.3 Eine Verschiebung in der Entwicklung
Eine Längsschnittstudie ergänzte den Blick auf die Entwicklung. Zwölf Alaskan Huskys aus zwei Würfen und dreizehn Grauwölfe aus drei Würfen, ab dem zehnten Lebenstag von Hand aufgezogen, wurden mit sechs, zehn, vierzehn, achtzehn, zweiundzwanzig und sechsundzwanzig Wochen jeweils mit einem anderen neuen Gegenstand getestet. Erwartet worden war, dass Wölfe früher ängstlich werden. Stattdessen veränderte sich die Angstreaktion der Wölfe auf Neues über die Zeit nicht, während die Hunde ihre deutlich verringerten, sodass sich ab der achtzehnten Lebenswoche ein Artunterschied in der Annäherungslatenz zeigte (Hansen Wheat, van der Bijl & Temrin, 2019). In der Latenz bis zum Kontakt gab es keinen Artunterschied.
Die Autoren vermuteten, dass Hunde mit dem Alter ihre Empfindlichkeit gegenüber Neuem verlieren, statt später Angst zu entwickeln. Bei einer Rasse und kleinen Würfen ist das eine Hypothese zur Entwicklung, kein belegter Mechanismus.
3.4 Was der Vergleich sagen kann und was nicht
Alle diese Studien arbeiteten mit in Gehegen lebenden, von Hand aufgezogenen Tieren und kleinen Stichproben. Sie zeigen, wie sich gleich aufgezogene Wölfe und Hunde unter denselben Bedingungen unterscheiden, nicht, wie ein Familienhund einer bestimmten Rasse zu Hause auf einen neuen Gegenstand reagiert.
4. Individuelle Unterschiede: Temperament und Persönlichkeit
4.1 Die Achse zwischen Scheu und Kühnheit
Die Persönlichkeitsforschung beim Hund beschreibt beständige individuelle Unterschiede im Verhalten. Eine viel zitierte Übersichtsarbeit ordnete die vielen Merkmalsbezeichnungen früherer Studien sieben breiten Dimensionen zu: Reaktivität, Ängstlichkeit, Aktivität, Sozialverhalten, Ansprechbarkeit für Training, Unterordnung und Aggression (Jones & Gosling, 2005). Reaktionen auf Neues bilden in diesem Schema keine eigene Dimension. Sie verteilen sich auf Reaktivität und Ängstlichkeit, und das ist ein Grund dafür, dass die Begriffe in der Literatur zu Neuem uneinheitlich sind. Den breiteren Rahmen von Temperament und Bewältigungsstilen findest du an anderer Stelle (wie Temperament und Bewältigungsstile definiert werden).
In schwedischen Arbeiten mit einem standardisierten Verhaltenstest wurden fünf Merkmale beschrieben: Verspieltheit, Neigung zum Hetzen, Neugier/Furchtlosigkeit, Sozialverhalten und Aggressivität, dazu eine übergeordnete Dimension, die als Kontinuum zwischen Scheu und Kühnheit gedeutet wurde (Svartberg & Forkman, 2002, wie zusammengefasst von Turcsán et al., 2018). Neugier/Furchtlosigkeit ist in diesem Schema das Merkmal, das am direktesten mit Neuem zu tun hat. Schon der Name zeigt das Problem: Neugier und das Fehlen von Angst wurden als eine Sache gemessen.
Halterbefragungen verwenden dasselbe Konzept. Eine australische Befragung beschrieb Kühnheit als ein Ende einer Achse zwischen Scheu und Kühnheit, als ein „Supermerkmal“, das mehrere andere Merkmale beeinflusst (Starling, Branson, Thomson & McGreevy, 2013b), und eine finnische Studie beschrieb ein Kontinuum zwischen Scheu und Kühnheit mit großer Streuung innerhalb und zwischen Rassen (Tiira & Lohi, 2015).
4.2 Die Suche nach Neuem in einer Testbatterie
Der Vienna Dog Personality Test, kurz VIDOPET, wurde mit 217 privat gehaltenen Border Collies in 15 Untertests durchgeführt. Es ergaben sich fünf Faktoren: Sozialverhalten und Gehorsam, Aktivität und Unabhängigkeit, Suche nach Neuem, Problemorientierung und Frustrationstoleranz (Turcsán et al., 2018). Die Suche nach Neuem spiegelte wider, wie sehr sich ein Hund für neue Gegenstände und ablenkende Reize interessierte. Die Autoren merkten an, dass die Situationen in ihrem Test im Vergleich zu vielen älteren Persönlichkeitstests, die Hunde oft mit erschreckenden Reizen konfrontierten, eher mild waren. Ihr Faktor erfasst deshalb vor allem Interesse am Neuen, nicht Widerstandskraft gegen Angst.
Ein Test mit einem erschreckenden Gegenstand misst also eher Ängstlichkeit, ein Test mit einem ruhigen, unbekannten Gegenstand eher Neugier, und derselbe Hund kann in beiden unterschiedlich abschneiden.
4.3 Was Kühnheit vorhersagt
Kühnheit, die im Erwachsenenalter gemessen wird, hat einen gewissen Vorhersagewert. In einem schwedischen Datensatz von 2.655 Deutschen Schäferhunden und Belgischen Tervueren sagte eine mit zwölf bis achtzehn Monaten erfasste Dimension zwischen Scheu und Kühnheit die Leistung in Arbeitsprüfungen vorher, und kühnere Hunde waren auch in jüngerem Alter erfolgreich (Svartberg, 2002). Das ist ein Zusammenhang bei standardisiert getesteten Arbeitshunderassen. Er zeigt, dass die Dimension etwas bedeutet, nicht, dass kühnere Hunde grundsätzlich bessere Hunde sind.
4.4 Vermeidung als deutlichstes Signal
Frühe Arbeiten mit angehenden Blindenführhunden werteten viele Messungen über viele Reize hinweg aus: Annäherung, Vermeidung, die Art des Kontakts mit dem Reiz, Rutenhaltung und Körperhaltung. Vermeidungsreaktionen hingen in den meisten Fällen am stärksten mit der Ängstlichkeit zusammen, die die Ausbilder der Blindenführhunde selbst einschätzten (Goddard & Beilharz, 1984). Messungen hingen außerdem enger zusammen, wenn sie auf ähnlichen Reaktionen beruhten, ähnliche Reize verwendeten oder zeitlich nah beieinander lagen. Für Reaktionen auf Neues bedeutet das zweierlei. Vermeidung ist ein verlässlicheres Zeichen von Angst als langsame Annäherung allein, und die Reaktion eines Hundes auf eine Art von Neuem sagt seine Reaktion auf etwas ganz anderes Neues nur begrenzt vorher.
5. Gene, Rasse und ihre Grenzen
5.1 Ängstlichkeit ist teilweise erblich
Genetische Beiträge zur Ängstlichkeit wurden früh belegt. In der oben genannten Population von Blindenführhunden zeigte eine Funktion, die allgemeine Ängstlichkeit erfasste, deutliche genetische Variation und keine nicht genetische Variation zwischen Würfen. Labradore waren die am wenigsten ängstliche der vier untersuchten Rassen, Deutsche Schäferhunde die ängstlichste, und innerhalb der Rassen gab es deutliche genetische Variation (Goddard & Beilharz, 1985). In einem schwedischen Diensthundeprogramm zeigten Verhaltensmerkmale, die in einem Welpentest mit acht Wochen erfasst wurden, eine mittlere bis hohe Erblichkeit (Wilsson & Sundgren, 1998).
Erblichkeit beschreibt, wie viel der Unterschiede zwischen Individuen in einer Population unter bestimmten Bedingungen mit genetischen Unterschieden zusammenhängt. Sie sagt nicht, wie viel an der Vorsicht eines einzelnen Hundes „genetisch“ ist, und sie bedeutet nicht, dass Erfahrung wenig bewirkt.
5.2 Rasseunterschiede gibt es auf Gruppenebene
Rasseunterschiede in der Kühnheit wurden in Halterbefragungen berichtet. In der australischen Studie hatten Rasse und Rassegruppe deutliche Effekte auf die Kühnheit. Retriever waren kühner als Stöber- und Vorstehhunde, und Hütehunde der Typen „tending“ und „loose-eyed“ waren kühner als „heading“-Hütehunde und Rinderhütehunde. Die Autoren vermuteten, dass der historische Verwendungszweck einer Rasse solche Neigungen beeinflussen könnte (Starling et al., 2013b). Eine Analyse, die Verhaltensdaten von mehr als 14.000 Hunden aus 101 Rassen mit nach Rassen gemittelten genetischen Daten verband, fand für 14 Verhaltensmerkmale eine hohe Erblichkeit zwischen Rassen (MacLean, Snyder-Mackler, vonHoldt & Serpell, 2019).
5.3 Für den einzelnen Hund sagt die Rasse wenig vorher
Gruppenunterschiede sind keine Vorhersagen für das Individuum. In einer Studie mit 18.385 reinrassigen und gemischtrassigen Hunden, von denen 2.155 genotypisiert wurden, waren die meisten Verhaltensmerkmale erblich, mit einer Erblichkeit über 25 Prozent, aber die Rasse erklärte nur 9 Prozent der Verhaltensunterschiede zwischen einzelnen Hunden (Morrill et al., 2022). Ein vorsichtiger Labrador und ein kühner Deutscher Schäferhund sind deshalb keine Ausnahmen, sondern gewöhnliche Vertreter ihrer Rassen. Das ist das zentrale Argument des Beitrags über Rasse und Verhalten (warum die Rasse das Verhalten des Einzelhundes schlecht vorhersagt).
Aus der Praxis: Nach unserer Erfahrung lohnt es sich, den einzelnen Hund zu lesen statt seine Rassebeschreibung. Halter einer „selbstsicheren“ Rasse sehen einen vorsichtigen Hund manchmal als Versagen, und Halter einer „sensiblen“ Rasse übersehen manchmal deutliche Stresszeichen, weil sie sie für rassetypisch halten. Beide lesen das Etikett, nicht den Hund.
6. Beständig oder veränderlich?
6.1 Was die Metaanalyse zeigt
Eine Metaanalyse von 31 Studien fand insgesamt eine deutliche Beständigkeit der Persönlichkeit von Hunden über die Zeit, mit einer mittleren Korrelation von 0,43. Die Beständigkeit war bei älteren Hunden höher, bei kürzeren Abständen zwischen den Messungen und wenn beide Male genau dasselbe Messinstrument verwendet wurde. Bei Welpen gehörte Ängstlichkeit zusammen mit Ansprechbarkeit für Training und Sozialverhalten zu den am wenigsten beständigen Dimensionen; bei erwachsenen Hunden fanden sich keine Unterschiede zwischen den Dimensionen (Fratkin, Sinn, Patall & Gosling, 2013).
Eine Korrelation von 0,43 bedeutet, dass Hunde ihre Rangfolge im Vergleich zu anderen tendenziell behalten, mit viel Spielraum für Veränderung. Die Ängstlichkeit eines Welpen ist demnach ein schwacher Hinweis auf den erwachsenen Hund, das Muster eines Erwachsenen etwas stabiler.
6.2 Frühe Tests sagen wenig vorher
Längsschnittdaten bestätigen das. In einer Kohorte von Border Collies wurden 99 Welpen als Neugeborene getestet, 134 im Alter von 40 bis 50 Tagen und 50 als Erwachsene mit anderthalb bis zwei Jahren. Das Verhalten der einzelnen Hunde stimmte zwischen den drei Tests kaum überein, und Erkundungsaktivität war das einzige Verhalten, das zwischen Welpen- und Erwachsenentest signifikant zusammenhing (Riemer, Müller, Virányi, Huber & Range, 2014). Bei schwedischen Diensthunden entsprachen die Ergebnisse des Welpentests der Leistung als Erwachsene nur verschwindend gering, obwohl die Merkmale erblich waren (Wilsson & Sundgren, 1998). Bei Blindenführhunden ließ sich die Ängstlichkeit im Erwachsenenalter bis zu einem gewissen Grad aus der Ängstlichkeit mit drei Monaten vorhersagen, und die Vorhersage wurde mit zunehmendem Alter genauer (Goddard & Beilharz, 1984). Mehr dazu im Beitrag über Welpentests (was Welpentests vorhersagen können und was nicht).
6.3 Das Neue bleibt nicht neu
Reaktionen auf Neues haben ein besonderes Messproblem: Sie verändern sich durch den Test selbst. Im VIDOPET hatte der Faktor Suche nach Neuem die geringste Wiederholungszuverlässigkeit der fünf Faktoren. Die Autoren wiesen darauf hin, dass bei der Wiederholung dieselben „neuen“ Gegenstände verwendet wurden, die beim zweiten Mal also etwas andere Reaktionen hervorrufen konnten (Turcsán et al., 2018). In schwedischen Daten nahm Neugier/Furchtlosigkeit vom ersten zum zweiten Testdurchgang zu, weil ängstliche Hunde selbstsicherer wurden, wenn sie denselben Gegenständen und Situationen ein zweites Mal begegneten (Svartberg, Tapper, Temrin, Radesäter & Thorman, 2005, wie zusammengefasst von Turcsán et al., 2020).
Eine zweite Begegnung mit denselben Gegenständen ging bei ängstlichen Hunden also mit selbstsichererem Verhalten einher. Es bedeutet auch, dass ein Test mit Neuem nur einmal wirklich „neu“ sein kann.
7. Erfahrung: Entwicklung und Umwelt
7.1 Sehr frühe Entwicklung
Reaktionen auf Neues lassen sich sehr früh beobachten. Frei lebende Hundewelpen aus 14 Würfen in Marokko wurden mit drei, fünf und sieben Wochen einem unbekannten Menschen und einem neuen Gegenstand ausgesetzt; mit drei Wochen wurden 105 Welpen getestet, mit fünf Wochen 73 und mit sieben Wochen 48. Mit drei Wochen sagten Beschäftigung, Aktivität und Schwanzwedeln gegenüber dem neuen Gegenstand ähnliches Verhalten gegenüber dem Menschen vorher. Die Autoren werteten das als Hinweis auf eine gemeinsame Neigung, sich neuen Reizen zu nähern, statt auf getrennte Merkmale für Sozialverhalten und Erkunden von Gegenständen (Lazzaroni, Cimarelli, Delaunay, Range & Marshall-Pescini, 2025). Individuelle Beständigkeit zeigte sich zwischen drei und fünf Wochen, nicht aber zwischen fünf und sieben Wochen, was die Autoren mit der kleineren Stichprobe mit sieben Wochen oder mit Veränderungen in der Entwicklung in Verbindung brachten.
Die folgenden Wochen fallen in die sensible Phase, in der Erfahrung nach heutigem Verständnis einen besonders starken Einfluss auf spätere Reaktionen auf Unbekanntes hat (wie die sensible Phase das Welpengehirn prägt); die Diskussion um spätere Angstphasen wird gesondert behandelt (was über Angstphasen bekannt ist). Bei den oben beschriebenen, von Hand aufgezogenen Huskys nahmen die Angstreaktionen auf neue Gegenstände zwischen der sechsten und der sechsundzwanzigsten Woche deutlich ab (Hansen Wheat et al., 2019).
7.2 Sozialisierung und Alltag
Große Halterbefragungen bringen Angst vor Neuem mit frühen und aktuellen Lebensbedingungen in Verbindung. In einer finnischen Fragebogenstudie mit 3.264 Familienhunden hatten ängstliche Hunde im Welpenalter weniger Sozialisierungserfahrungen gemacht und eine weniger gute mütterliche Fürsorge erlebt (Tiira & Lohi, 2015). In einer späteren finnischen Onlinebefragung zu 13.700 Familienhunden gingen 6.945 Hunde in die Auswertung zur Angst vor neuen Situationen ein. Häufige nicht soziale Angst, darunter Angst vor neuen Situationen, hing mit weniger Sozialisierung im Welpenalter, Kastration, unerfahrenen Haltern, einem Leben ohne andere Hunde, seltenerer Teilnahme an Aktivitäten oder Training und einer städtischeren Umgebung zusammen. Außerdem fanden sich Rasseunterschiede und eine Tendenz zu mehr nicht sozialer Angst bei kleinen Rassen (Hakanen et al., 2020).
7.3 Zusammenhang ist nicht Ursache
Das sind Halterbefragungen zu einem einzigen Zeitpunkt. Sie zeigen, dass Angst vor Neuem und bestimmte Lebensbedingungen gemeinsam auftreten, nicht, dass die Bedingungen die Angst verursacht haben. Ein ängstlicher Hund wird vielleicht seltener zu Aktivitäten mitgenommen, weil sie ihm schwerfallen, und die Sozialisierung wurde rückblickend berichtet. Die Befunde passen zu der Vorstellung, dass vielfältige, gut zu bewältigende Erfahrung die Angst vor Neuem verringert, aber sie können nicht zeigen, wie groß ein einzelner Effekt ist. Die Neurobiologie von Angst wird in einem eigenen Beitrag behandelt (wie Angst im Gehirn organisiert ist).
8. Neues im Lauf des Lebens
8.1 Die Suche nach Neuem nimmt ab dem mittleren Alter ab
Die deutlichsten Altersdaten stammen von Border Collies. In einer Querschnittsstichprobe von 217 Hunden im Alter von sechs Monaten bis fünfzehn Jahren, mit einer Wiederholungsmessung bei 37 Hunden nach durchschnittlich 3,8 Jahren, veränderte sich die Suche nach Neuem bis zum mittleren Alter, etwa drei bis sechs Jahre, kaum und nahm danach gleichmäßig linear ab (Turcsán, Wallis, Berczik, Range, Kubinyi & Virányi, 2020). Von allen gemessenen Merkmalen hing die Suche nach Neuem am stärksten mit dem Alter zusammen. Die Längsschnittdaten bestätigten den Rückgang aus dem Querschnitt allerdings nicht vollständig: Nur drei Hunde nahmen signifikant ab, einer nahm zu. Die Autoren nannten die Vertrautheit mit den Testreizen als Störfaktor in Längsschnittdesigns, also genau das Messproblem aus Abschnitt 6.3.
Andere Daten weisen in dieselbe Richtung. Kühnheit nahm in der australischen Halterbefragung mit dem Alter ab (Starling, Branson, Thomson & McGreevy, 2013a) und ging bei 119 Familienhunden über sechs Jahren linear zurück, ohne Effekt einer angereicherten Ernährung oder lebenslangen Trainings (Chapagain et al., 2020). Bei Laborbeagles beschäftigten sich junge Hunde länger mit neuen Spielzeugen und mit einer Person als alte (Siwak, Tapp & Milgram, 2001). Mehr dazu in einem eigenen Beitrag (wie sich Verhalten im Alter verändert).
8.2 Mehr Vermeidung oder weniger Interesse?
Zwei Studien mit Familienhunden verwendeten einen sich bewegenden Spielzeughund als neuen Gegenstand und kamen nicht zu identischen Ergebnissen. In einer vorläufigen Testbatterie im Freien mit 20 jungen Hunden zwischen einem und fünf Jahren und 26 alten Hunden zwischen zehn und fünfzehn Jahren zeigte die Hälfte der alten, aber nur 20 Prozent der jungen Hunde keinerlei Rückzug, und 70 Prozent der jungen, aber nur 29 Prozent der alten Hunde sahen den Gegenstand fast während des ganzen Tests an. Die Autoren beschrieben die alten Hunde als weniger vermeidend und zugleich weniger interessiert (Kubinyi & Iotchev, 2020). In einer Testbatterie in Innenräumen mit 20 jungen und 18 alten Hunden, die jeweils zweimal im Abstand von zwei Wochen getestet wurden, zeigten die alten Hunde bei beiden Durchgängen mehr Vermeidung des Gegenstands, während die jungen sich länger mit dem Spielzeug beschäftigten (Piotti, Piseddu, Aguzzoli, Sommese & Kubinyi, 2022). Das Maß für die Beschäftigung mit dem Gegenstand zeigte einen Wiederholungseffekt, weshalb die Autoren davon abrieten, es für wiederholte Messungen zu verwenden.
Beide Studien stimmen darin überein, dass sich ältere Hunde weniger mit dem neuen Gegenstand beschäftigten, unterscheiden sich aber bei der Vermeidung. Bei kleinen Stichproben und unterschiedlichen Bedingungen kann der Unterschied methodisch bedingt sein, und „weniger Vermeidung“ kann bei einem alten Hund auch insgesamt weniger Reaktion bedeuten statt mehr Selbstsicherheit. Die Autoren der Studie in Innenräumen nannten nachlassende Sinne, Schmerzen und andere Erkrankungen unter den möglichen Ursachen von Angst bei Hundesenioren (Piotti et al., 2022).
8.3 Wann die Veränderung wichtig wird
Ein allmählich nachlassendes Interesse an Neuem gehört in diesen Daten zum normalen Altern. Eine plötzliche Veränderung oder neue Angst vor Dingen, die vertraut waren, ist etwas anderes. Bei Laborbeagles war die Fortbewegung bei kognitiv beeinträchtigten alten Hunden am höchsten, die außerdem ungerichtete, stereotype Verhaltensmuster zeigten (Siwak et al., 2001). Die kognitive Dysfunktion wird in einem eigenen Beitrag behandelt (wie sich kognitive Dysfunktion im Verhalten zeigt). Auch nachlassende Sinne und Schmerzen können verändern, wie ein Hund auf seine Umgebung reagiert.
Aus der Praxis: Wir sehen, dass ältere Hunde oft stärker auf Veränderungen an vertrauten Orten reagieren, etwa auf verrückte Möbel oder einen neuen Gegenstand an der gewohnten Strecke, als auf Dinge an fremden Orten. Das ist eine Beobachtung aus der Praxis, kein Studienergebnis. Wenn sich die Reaktion deines älteren Hundes auf Neues innerhalb kurzer Zeit deutlich verändert, ist eine tierärztliche Untersuchung, auch von Sehen, Hören und Schmerzen, sinnvoller als Training.
9. Die soziale Seite des Neuen
9.1 Andere Hunde als Rückhalt
Die Anwesenheit anderer verändert, wie Hunde mit Neuem umgehen. In der Studie am Wolf Science Center bearbeiteten Wölfe wie Hunde neue Gegenstände länger, wenn sie mit einem Rudelmitglied oder mit dem ganzen Rudel getestet wurden, als allein. Geschwisterpaare untersuchten Gegenstände länger als Paare ohne Verwandtschaft. Die Autoren deuteten das als eine Form geteilten Risikos (Moretti et al., 2015). Es waren im Rudel lebende Tiere in ihren eigenen Gehegen; ob sich der Effekt auf einen Familienhund und seinen Mitbewohner übertragen lässt, ist nicht bekannt.
9.2 Halter als Informationsquelle
Hunde nutzen auch Menschen als Informationsquelle über Neues. In einem Versuchsaufbau zur sozialen Rückversicherung, dem Social Referencing, gab der Halter eine positive oder negative emotionale Botschaft über einen möglicherweise beängstigenden Gegenstand, einen elektrischen Ventilator. Die meisten Hunde, 83 Prozent, sahen nach dem Blick auf den Gegenstand gezielt zu ihrem Halter. Die emotionale Botschaft über Stimme und Gesicht allein machte für das Verhalten der Hunde wenig Unterschied, die Bewegung des Halters dagegen schon: Hunde der positiven Gruppe gingen näher an den Ventilator heran, Hunde der negativen Gruppe entfernten sich und spiegelten damit ihren Halter (Merola, Prato-Previde & Marshall-Pescini, 2012b).
Eine zweite Studie verglich Halter und Fremde als Informanten. Einen Blickwechsel zwischen Ventilator und Informant zeigten 62 Prozent der Hunde beim Halter und 52 Prozent bei einer fremden Person. War der Halter der Informant, führte eine positive Botschaft zu mehr Zeit in Annäherung und in der Nähe des Gegenstands, eine negative Botschaft zu längeren Latenzen bis zur Annäherung und Beschäftigung; bei der fremden Person zeigten sich weniger Unterschiede (Merola, Prato-Previde & Marshall-Pescini, 2012a). Hier veränderten Stimme und Gesicht allein das Verhalten, wenn der Halter der Informant war, die beiden Studien stimmen in diesem Punkt also nicht völlig überein.
9.3 Wohin sich der Halter bewegt
Dasselbe zeigte sich mit Menschen statt Gegenständen. In einer Studie mit 72 Familienhunden, 36 Schäferhunden und 36 Molossern, näherte sich eine unbekannte Person jedem Hund neutral, während der Halter stehen blieb, auf die fremde Person zuging oder zurückwich. Wich der Halter zurück, sahen die Hunde die fremde Person früher an und brauchten länger bis zum ersten Kontakt mit ihr. Rüden suchten beim Halter seltener nach Information als Hündinnen, und die Molosser verhielten sich unabhängiger als die Schäferhunde (Duranton, Bedossa & Gaunet, 2016). Mehr zu Social Referencing und sozialer Pufferung findest du hier (wie Hunde ihre Halter in unsicheren Situationen nutzen).
Wie ein Hund auf etwas Neues reagiert, ist also nicht nur eine Eigenschaft des Hundes, sondern auch eine Frage dessen, was du tust, und in einer der Studien vermittelte die Bewegung des Halters den Hunden mehr als Stimme und Gesichtsausdruck allein (Merola et al., 2012b). Alle drei Studien arbeiteten mit einzelnen, kurzen Testsituationen.
10. Reaktionen auf Neues messen und ihre Störfaktoren
10.1 Testumgebung und Vertrautheit
Ein Test mit neuem Objekt misst nur dann die Reaktion auf den Gegenstand, wenn alles andere vertraut ist. Deshalb fanden manche Tests in Gehegen statt, die die Tiere gut kannten, damit sie den Gegenstand untersuchten und nicht eine neue Umgebung (Moretti et al., 2015). In der Welpenstudie wurde der Test mit neuem Objekt zweimal im selben Raum durchgeführt, was den Raum beim zweiten Mal nach Angabe der Autoren zumindest etwas vertraut gemacht haben könnte (Marshall-Pescini et al., 2017). Viele Tests mischen aber neuen Ort, neue Person und neuen Gegenstand, und das Verhalten spiegelt dann alle drei.
Die Vertrautheit mit dem Testablauf ist ein zweiter Störfaktor: Die Wiederholungseffekte aus den Abschnitten 6.3 und 8.2 zeigen, dass ein Test mit Neuem den Hund verändert, der ihn durchläuft. Viele verschiedene Gegenstände zu verwenden, etwa die 38 Gegenstände in der Studie mit Wölfen und Hunden (Moretti et al., 2015), verringert den Einfluss eines einzelnen Gegenstands, erschwert aber den Vergleich zwischen Studien.
10.2 Futter und andere Anreize
Liegt Futter neben einem neuen Gegenstand, misst der Test eine Abwägung und keine reine Neophobie (Rivas-Blanco et al., 2025). Ein sehr futtermotivierter Hund nähert sich vielleicht trotz Angst schnell, ein satter Hund bleibt vielleicht trotz Neugier fern. Der VIDOPET-Befund, dass die Suche nach Neuem Interesse an neuen und an begehrten Reizen verband (Turcsán et al., 2018), zeigt, dass derselbe Störfaktor auch in Tests ohne Futter besteht: Ein Hund, der Gegenstände generell mag, erscheint neophiler.
10.3 Fragebögen und Tests
Große Datensätze zur Angst vor Neuem stammen aus Halterfragebögen. Einer der am häufigsten verwendeten, der Canine Behavioral Assessment and Research Questionnaire, wurde mit Daten von 1.851 Hunden entwickelt und mit 203 Hunden aus der Verhaltenssprechstunde überprüft und ergab 11 Faktoren aus 68 Fragen (Hsu & Serpell, 2003). Fragebögen erfassen Alltagsreaktionen über lange Zeit und erlauben Stichproben, die kein Verhaltenstest erreicht, hängen aber davon ab, was Halter bemerken und wie sie es deuten. Testbatterien erfassen einen kontrollierten Moment, der untypisch sein kann. Keines von beiden misst den inneren Zustand des Hundes direkt.
11. Was daraus für die Praxis folgt
11.1 Neues vorstellen
Die Forschung stützt einige Grundsätze. Hunde fühlen sich tendenziell von Neuem angezogen (Kaulfuß & Mills, 2008), aber der Kontakt kann sich verzögern, selbst wenn die Annäherung es nicht tut (Moretti et al., 2015). Vermeidung ist ein deutlicheres Zeichen von Angst als langsame Annäherung (Goddard & Beilharz, 1984). Ängstliche Hunde wurden selbstsicherer, wenn sie denselben Gegenständen ein zweites Mal begegneten (Svartberg et al., 2005, wie zusammengefasst von Turcsán et al., 2020), und die Bewegung des Halters auf einen neuen Gegenstand zu oder von ihm weg beeinflusste Hunde stärker als Stimme und Gesicht allein (Merola et al., 2012b).
Aus der Praxis: Wir lassen Hunde bei Neuem selbst über Abstand und Tempo entscheiden. Einen neuen Gegenstand so hinzustellen, dass dein Hund mit Abstand daran vorbeigehen, ihn ansehen und wieder weggehen kann, ohne hingeführt zu werden, funktioniert nach unserer Erfahrung gut. Wenn du dich dem Gegenstand ruhig näherst, ihn anfasst oder dich daneben setzt, folgen viele Hunde in ihrem eigenen Tempo. Das wendet die Befunde zum Social Referencing an, ist aber kein geprüftes Vorgehen.
11.2 Spielzeug und Wechsel
Für Spielzeug legen die Daten zur Gewöhnung nahe, dass Interesse durch Abwechslung erneuert wird und nicht durch eine längere Pause (Pullen et al., 2012). Darauf beruht der Rat, Spielzeug zu wechseln, statt alles dauerhaft liegen zu lassen. Belege dafür, dass mehr Spielzeug das Wohlbefinden von Familienhunden verbessert, sind dünn. In einer kontrollierten Studie mit 47 aufgenommenen Familienhunden, von denen sieben die Studie nicht abschlossen, veränderte eine kurzfristige Gabe von Spielzeug für fünf Minuten am Tag über zwölf Tage weder Aktivität noch Fressgeschwindigkeit noch ein Maß der kognitiven Verzerrung signifikant, und komplexere Spielzeuge unterschieden sich nicht signifikant von weniger komplexen (Chan, Arellano & Horowitz, 2023). Die breitere Beweislage zu Enrichment fasst ein eigener Beitrag zusammen (was die Enrichment-Forschung für Familienhunde zeigt).
Spielzeug zu wechseln ist deshalb sinnvoll, um Gegenstände interessant zu halten, aber für sich genommen keine belegte Maßnahme für mehr Wohlbefinden.
11.3 Einem Hund helfen, dem Neues Angst macht
Für einen Hund, dem Neues Angst macht, ist in der Verhaltenstherapie die systematische Desensibilisierung in Verbindung mit Gegenkonditionierung ein Standardvorgehen: Die Begegnung beginnt in einer Intensität, die der Hund ohne Angst aushält, und der Reiz wird mit etwas Angenehmem verknüpft (wie Desensibilisierung und Gegenkonditionierung funktionieren). Die Studien in diesem Beitrag haben solche Maßnahmen nicht geprüft und können daher nicht sagen, wie wirksam sie speziell bei Angst vor Neuem sind.
Das Gegenteil wäre, den Hund an den Gegenstand heranzuführen oder heranzuziehen und ihn dort zu halten, bis er sich beruhigt. Das kann einen Hund im Moment neben dem Gegenstand stehen lassen. Die Frage ist, was der Hund dabei lernt. Er kann lernen, dass der Gegenstand harmlos ist. Er kann aber auch lernen, dass Ausweichen nicht funktioniert und dass sein Mensch ihn in Situationen bringt, aus denen er nicht herauskommt. Der Preis kann ein Hund sein, der erstarrt statt sich zu entspannen, und ein Mensch, der als Quelle von Sicherheit gerade in den Situationen weniger taugt, in denen er nach den Daten zum Social Referencing wichtig ist.
Aus der Praxis: Als Faustregel aus unserer Arbeit suchen wir den Abstand, bei dem der Hund das Neue noch ansehen, fressen und auf seinen Menschen reagieren kann, und arbeiten von dort aus. Wenn dein Hund nicht mehr fressen oder nicht mehr auf dich reagieren kann, bist du zu nah. Der richtige Abstand ist von Hund zu Hund und von Tag zu Tag verschieden.
11.4 Wann Vorsicht gesund ist
Nicht jeder vorsichtige Hund hat ein Problem. Neophobie kann die Gefährdung verringern (Moretti et al., 2015), und Vorsicht und Interesse können im selben Tier nebeneinander bestehen. Ein Hund, der einen neuen Gegenstand eine Weile ansieht, sich langsam nähert, schnüffelt und dann weitergeht, zeigt eine angepasste Reaktion und keinen Mangel. Anlass zur Sorge besteht, wenn die Vermeidung stark und anhaltend ist, wenn sich der Hund nicht erholt, sobald der Reiz verschwunden ist, wenn sie sich auf viele Situationen ausweitet oder wenn sie den Alltag einschränkt. Angst vor neuen Situationen ist in Halterbefragungen häufig (Hakanen et al., 2020), aber Häufigkeit allein macht daraus keine Störung.
12. Zusammenfassung auf einen Blick
Neophilie, die Anziehung durch das Neue, und Neophobie, das Meiden des Neuen, sind getrennte Neigungen, die gemeinsam auftreten können. Annäherung, Kontakt, Untersuchung und Vermeidung sind verschiedene Maße und können in verschiedene Richtungen weisen (Moretti et al., 2015). In einem freien Wahltest bevorzugten Hunde in den meisten Durchgängen ein neues Spielzeug gegenüber vertrauten (Kaulfuß & Mills, 2008), und das Interesse an einem Spielzeug ließ durch Gewöhnung nach und kehrte mit einem anderen Spielzeug zurück (Pullen et al., 2012).
Gleich aufgezogene Wölfe erkundeten länger und ausdauernder als Hunde, nahmen aber langsamer Kontakt auf (Moretti et al., 2015; Marshall-Pescini et al., 2017). Der hier besprochene direkte Neophilievergleich zeigte in dieser kleinen Stichprobe keinen statistisch gesicherten Gruppenunterschied (Rivas-Blanco et al., 2025), und bei von Hand aufgezogenen Huskys nahmen die Angstreaktionen auf neue Gegenstände mit dem Alter ab, bei Wölfen nicht (Hansen Wheat et al., 2019).
Individuelle Unterschiede werden als Achse zwischen Scheu und Kühnheit oder als Suche nach Neuem beschrieben (Svartberg & Forkman, 2002, wie zusammengefasst von Turcsán et al., 2018; Turcsán et al., 2018). Ängstlichkeit ist teilweise erblich (Goddard & Beilharz, 1985; Wilsson & Sundgren, 1998), aber die Rasse erklärt wenig von den Unterschieden zwischen Einzelhunden (Morrill et al., 2022), und frühe Tests sagen wenig vorher (Riemer et al., 2014). Ängstlichkeit und Angst vor neuen Situationen hingen mit weniger Sozialisierung und einem weniger aktiven Leben zusammen (Tiira & Lohi, 2015; Hakanen et al., 2020). Die Suche nach Neuem nimmt ab dem mittleren Alter ab (Turcsán et al., 2020), und Halter und andere Tiere verändern, wie Hunde auf Neues reagieren (Merola et al., 2012a, 2012b; Duranton et al., 2016).
13. Forschungslücken und kritische Einordnung
13.1 Kleine Stichproben und besondere Populationen
Der experimentelle Kern dieser Literatur ist klein. Die Wahlstudie testete 17 Hunde (Kaulfuß & Mills, 2008), die Gewöhnungsstudie 16 im Zwinger gehaltene Labradore (Pullen et al., 2012), der direkte Neophilievergleich 10 Wölfe und 12 Hunde (Rivas-Blanco et al., 2025), die Entwicklungsstudie 12 Huskys und 13 Wölfe (Hansen Wheat et al., 2019). Die meisten Daten zu Hund und Wolf stammen von in Gehegen lebenden, von Hand aufgezogenen Tieren einer einzigen Einrichtung. Solche Designs beantworten bestimmte Fragen gut, können aber die Bandbreite der Familienhunde nicht abbilden.
13.2 Einzelne Rassen und Halterangaben
Die besten Persönlichkeitsdaten zur Suche nach Neuem stammen ausschließlich von Border Collies (Turcsán et al., 2018, 2020). Die größten Datensätze sind Halterbefragungen aus Finnland und Australien (Tiira & Lohi, 2015; Hakanen et al., 2020; Starling et al., 2013a, 2013b), mit selbst ausgewählten Teilnehmern, rückblickenden Angaben und Querschnittsdesigns. Zusammenhänge mit Sozialisierung, Stadtleben oder Kastration lassen sich nicht ursächlich deuten. Ausschlüsse, etwa wenn ein Halter den Test mit neuem Objekt als zu belastend für seinen Hund ablehnte (Turcsán et al., 2020), bedeuten, dass gerade die ängstlichsten Hunde unterrepräsentiert sein können.
13.3 Was eigentlich gemessen wird
„Neophilie“, „Suche nach Neuem“, „Neugier/Furchtlosigkeit“ und „Kühnheit“ sind verwandte, aber nicht identische Konstrukte. Tests mit erschreckenden Reizen messen eher Angst, Tests mit milden Reizen eher Interesse (Turcsán et al., 2018). Futter neben einem Gegenstand macht aus einem Test mit Neuem eine Abwägung (Rivas-Blanco et al., 2025). Nur wenige Studien erfassen neben dem Verhalten auch körperliche Messgrößen, sodass der Gefühlszustand hinter Annäherung oder Vermeidung erschlossen und nicht gemessen wird.
13.4 Wiederholungseffekte und Längsschnittdaten
Neues wird durch das Testen verbraucht. Wiederholungseffekte fanden sich für Maße zu Neuem in mehreren Studien (Svartberg et al., 2005, wie zusammengefasst von Turcsán et al., 2020; Turcsán et al., 2018; Piotti et al., 2022). Das macht Längsschnittstudien zu Reaktionen auf Neues besonders schwierig, und der einzige große Längsschnittdatensatz bestätigte den Altersrückgang aus dem Querschnitt nicht vollständig (Turcsán et al., 2020). Studien, die dieselben Hunde vom Welpenalter bis ins hohe Alter mit vergleichbaren, wirklich neuen Reizen begleiten, fehlen.
13.5 Maßnahmen
Kontrollierte Studien zu Maßnahmen gezielt gegen Angst vor Neuem bei Familienhunden gibt es kaum. Die praktischen Empfehlungen in Abschnitt 11 beruhen auf Lernprinzipien, auf den Befunden zum Social Referencing und auf Erfahrung, nicht auf Studien, die Methoden für dieses Problem vergleichen. Die einzige kontrollierte Spielzeugstudie fand über zwölf Tage keinen signifikanten Effekt auf das Wohlbefinden (Chan et al., 2023). Offen bleibt, ob längere oder andere Formen, Neues anzubieten, messbaren Nutzen hätten.
14. Fazit
Hunde reagieren auf Neues mit einer Mischung aus Interesse und Vorsicht. Ihre Anziehung durch neue Gegenstände ist echt, verfliegt aber schnell, und sie ist nicht eindeutig stärker als die von Wölfen. Was Hunde auszeichnet, ist vielleicht weniger eine größere Liebe zum Neuen als eine größere Toleranz dafür, die sich bei von Hand aufgezogenen Huskys in den ersten Lebensmonaten entwickelte. Wie ein bestimmter Hund reagiert, hängt von einem Temperament ab, das teilweise erblich und mäßig beständig ist, von der Rasse nur in geringem Maß, von früher und aktueller Erfahrung, vom Alter und von der Gesellschaft, in der er sich befindet.
Für den Alltag heißt das: Die Reaktion deines Hundes auf einen neuen Gegenstand ist kein feststehender Charaktertest, sondern eine Momentaufnahme eines Hundes in einer Situation. Interesse lässt sich durch Abwechslung lebendig halten, Vorsicht lässt sich mit Zeit, Abstand und einem ruhigen Vorbild lindern, und ein vorsichtiger Hund ist oft einfach ein Hund, der Informationen haben möchte, bevor er handelt.
Wichtigste Erkenntnisse im Überblick
Neophilie und Neophobie sind getrennte Neigungen, die gleichzeitig auftreten können; Annäherung, Kontakt, Untersuchung und Vermeidung müssen getrennt gemessen werden (Moretti et al., 2015).
In einem freien Wahltest wählten 17 Hunde in 38 von 50 Tests zuerst ein neues Spielzeug, und bei Zwingerhunden ließ das Interesse an einem Spielzeug durch Gewöhnung nach und kehrte mit einem anderen Spielzeug zurück (Kaulfuß & Mills, 2008; Pullen et al., 2012).
Ein kleiner direkter Vergleich fand bei Hunden keine stärkere Neophilie als bei Wölfen; bei von Hand aufgezogenen Huskys nahmen die Angstreaktionen auf Neues mit dem Alter ab, bei Wölfen nicht (Rivas-Blanco et al., 2025; Hansen Wheat et al., 2019).
Ängstlichkeit ist teilweise erblich und Rassen unterscheiden sich auf Gruppenebene, aber die Rasse erklärte nur 9 Prozent der Verhaltensunterschiede zwischen einzelnen Hunden (Goddard & Beilharz, 1985; Morrill et al., 2022).
Welpentests sagen wenig vorher; Erkundungsaktivität war in einer Kohorte von Border Collies das einzige Verhalten, das zwischen Welpen- und Erwachsenentest zusammenhing (Riemer et al., 2014).
Die Suche nach Neuem nahm bei Border Collies ab dem mittleren Alter ab, und ältere Familienhunde beschäftigten sich weniger mit neuen Gegenständen (Turcsán et al., 2020; Kubinyi & Iotchev, 2020; Piotti et al., 2022).
Bewegungen des Halters auf einen neuen Gegenstand oder eine fremde Person zu oder von ihr weg veränderten das Verhalten der Hunde, in einer Studie deutlicher als Stimme und Gesichtsausdruck allein (Merola et al., 2012b; Duranton et al., 2016).
Vorsicht gegenüber Neuem ist eine normale Reaktion; zum Problem wird sie, wenn die Vermeidung stark und anhaltend ist und den Alltag des Hundes einschränkt.
Quellen
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